Kurzgeschichte

Pauls Theater

Eine Satire über Bürokratie, Identitätspolitik und die Frage, wer heute noch Mitgefühl verdient.

23. August 2026
Satire

Pauls Theater

Paul führt in der vierten Generation das Theater seiner Familie in Berlin und hat ein Problem: Das Amt schreibt eine zusätzliche Toilette vor – für das dritte Geschlecht. Also braucht Paul nun vier Toiletten: eine für Frauen, eine für Männer, eine für behinderte Menschen und eine für Leute, die nicht wissen, wo sie hingehören. Nachdem das Amt Pauls Vorschlag abgelehnt hat, die Behinderten-Toilette mit der Toilette für das dritte Geschlecht zusammenzulegen, weil das die Gefühle der Transmenschen verletzen würde, und man in der Stadtverwaltung ein Dekret unterzeichnet hat, was das Verletzen der Gefühle von Minderheiten untersagt, muss Paul per Bescheid eine vierte Toilette in das Theater einbauen, das seit 150 Jahren besteht.

Problem? Paul hat kein Geld. Da er letztes Jahr die Bestuhlung seines Theaters erneuert hat, um das Sitzerlebnis seiner Besucher zu verbessern, hat er schlicht kein Geld, eine vierte Toilette einzubauen, die genderfluid ist. Versuche mit dem Amt zu sprechen scheitern, und dieses meldet den Umstand an die zuständige Stelle für Theaterförderung, die daraufhin die Förderung einstellt, bis Paul das Klo in seinem Theater einbaut. Wie man merkt: Die Not ist groß, und Paul lässt sich davon nicht unterkriegen. Er ertrinkt seinen Kummer mit seinen Freunden Stefan und Kristof, die in der voranschreitenden Stunde auf immer "bessere" Ideen kommen, wie man das Theater und die Geschichte der Familie Pauls retten kann.

Dann kommt Stefan die Idee: Er hat herausgefunden, wie man als Deutscher einen Oskar bekommt. Man muss also einen Film drehen und um Förderungen ansuchen. Man bekommt als Deutscher allerdings nur einen Oskar, wenn man einen Film über den Zweiten Weltkrieg dreht. Die drei überlegen und schleudern Ideen hin und her, worüber der Film gehen soll – es muss ja garantiert ein Film werden, der gefördert wird und der dann auch einen Oskar bekommen muss, um das Theater zu retten.

Kristof: "Es muss auf jeden Fall um eine Frau gehen."
Paul: "Eine deutsche Frau?"
Stefan: "Nein, bist du verrückt? Die deutschen Frauen waren ja Täter. Es muss eine Frau sein, die Opfer war. Also Opfer der Deutschen."
Paul: "Du meinst eine russische Frau?"
Kristof: "Niemand hat heutzutage Mitleid mit russischen Frauen…"
Stefan: "Sie muss also aus dem Gazastreifen kommen?!"
Paul: "Du Depp, den Gazastreifen gab es damals noch gar nicht… Aber ja."

Nach vielem Hin und Her einigen sich die drei auf eine französische Frau, eine jüdische französische Frau, eine schwarze jüdische französische Frau. Eine kleinwüchsige schwarze französische jüdische Frau. Wobei sie sich dann doch besinnen und nur eine französische schwarze Frau nehmen, die kleinwüchsig ist, weil man heutzutage nur Mitgefühl erhält, wenn man von der richtigen Ethnie abstammt und die richtige Religion hat.

Also: Eine schwarze französische kleinwüchsige Frau, die, um sich und ihre Familie zu ernähren, ihren jungen Körper verkauft. Annabelle soll sie heißen. Ihr Vater, ihre Mutter und ihre drei Brüder können nicht dabei helfen, die Familie zu retten – sie sitzen nur zu Hause und essen Hühnchen mit Reis, was die kleine Annabelle hart verdient hat. Nur sie kann die Familie retten und bietet sich den deutschen Landser am Straßenrand feil mit den Worten: "Ich weine nicht mehr, dabei…"

So schaukeln sich die drei Freunde immer weiter auf, und Paul holt einen Laptop und tippt fleißig und vollkommen betrunken einen Teaser – und es geht sich bei der Geschwindigkeit sogar ein Treatment aus. Vollkommen überzeugt hauen sie den Text in die KI, die aus Gründen sich weigert, den Text zu verbessern, und darauf aufmerksam macht, dass man eine größere Chance auf einen Oskar hätte, wenn das Drehbuch eine Frau schreibt.

Also wird aus Paul "Paulinchen", und es findet sich eine andere KI, die den Text überarbeitet, ohne zensierend einzugreifen. Sie schicken das Treatment noch am selben Abend ab.

Am nächsten Tag können sie sich an nichts mehr erinnern. Wochen später erhält Paul Post, und es nimmt seinen Lauf: Das Drehbuch bekommt die Förderung, und Pauls Martyrium nimmt seinen Lauf. Er konnte sich gar nicht mehr erinnern und macht eher gute Miene zum bösen Spiel, als er eingeladen wird, sein Treatment vorzustellen. Er wird rot und schämt sich, als er gefragt wird, seit wann er denn wüsste, dass er im falschen Körper sei. Sein tiefes Gefühl zu der ganzen Sache ist eine fürchterliche Scham, da er eigentlich nicht der Mann – pardon, die Frau – in der ersten Reihe ist und eher im Hintergrund agiert. Doch weil er so zurückhaltend ist, traut er sich auch nicht, es aufzuklären, und er bekommt ein Team mit Autoren an die Seite gestellt, die mit ihm – pardon, ihr – gemeinsam das Drehbuch ausarbeiten. Stefan und Kristof haben ihren Spaß auf seine Kosten, sie sind eher extrovertiert und laut und haben gar kein Problem, sich so zu geben – auch ein Auftritt in Frauenkleidern würde ihnen nichts ausmachen. Doch Paul betrübt das sehr, und er greift immer mehr zum Alkohol, um den Druck aus Erwartungen an ihn standzuhalten, weil er sich nicht humorvoll dieser absurden Situation stellen kann und der Druck immer größer wird.

Am Ende erhält er seinen Oskar, und als Ricky Gervais ihn auf die Bühne bittet, bricht es aus ihm raus. Er nimmt sich während seiner Rede zuerst die Ohrringe einzeln ab, dann die Perücke, bis er da steht mit seinen kurzen Haaren und den falschen Wimpern, und alles aufklärt. Das Publikum ist stumm, niemand traut sich eine Reaktion zu zeigen. Als Paul die Bühne verlässt, klatschen nur einzelne Personen, der Saal ist still – man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Der Film floppt, da ihn weder Menschen anschauen würden, die sich über den Zweiten Weltkrieg weiterentwickeln möchten – da diese offensichtlich an den Haaren herbeigezogene Geschichte von einer schwarzen Frau in Frankreich der vierziger Jahre, die ohne die Hilfe ihrer Angehörigen und trotz ihrer Behinderung eine ganze Familie alleine ernährt, nicht sehen wollen, weil statt einer Unterhaltung eine Belehrung im Vordergrund steht –, noch die vermeintlich Linken, die sich den Film nicht anschauen, weil Paul das große Drama ja bei seiner Oskar-Rede aufgeklärt hat.

Paul kann das Preisgeld behalten und kann sein Theater retten, indem er eine vierte Toilette einbaut und wieder mit Förderungen beschenkt wird. Doch er gestaltet sein Theaterprogramm nun so um, dass er nicht mehr von Förderungen abhängig ist. Im Fokus seiner Spielzeit ist die Unterhaltung von Menschen mit schönen Dingen, da er finanziell unabhängig ist und durch seinen Oskar ein breites, interessiertes Publikum aus dem gesamten deutschsprachigen Raum anzieht. Er beheimatet Künstler, die nirgendwo sonst auftreten dürfen, weil "besorgte" Bürger Druck auf die Spielstätten ausüben – doch bei Paul beißen sie nun auf Granit, weil er unabhängig ist.

So, nun ist es raus. Wäre doch eine lustige Idee – falls jemand Lust hat, das darzustellen, soll, darf und kann sich gerne bei mir melden, dann kann man ja gemeinsam ein Drehbuch schreiben für einen Sketch, der so im Format vom Bohemian Browser Ballet ist. Kameraleute, Schauspieler, die Bock auf etwas Lustiges haben, sind natürlich mehr als willkommen. Einfach eine Mail an simon@simonsblog.at.

Edit: In der Welt von Harry Potter gibt es den Patronus-Zauber, der einen mithilfe schöner Gedanken vor Bösem schützt. Hier kommt nun meiner: Zum Zeitpunkt, als die satirische Geschichte geschrieben wurde, war der Autor noch schwerbehindert. Er war noch schwerbehindert, weil der Bescheid, der ihm die Behinderung aberkennt, noch nicht rechtskräftig war. Patronus-Zauber Ende ;-)

EDIT 2: Nachdem meine geliebte Frau nun Bedenken angemeldet hat und Angst vor Kontaktschuld hat, bzw. darauf hinweisen möchte, dass man mich falsch versteht: Ich will keine Kinder entführen und niemanden dazu aufrufen, gegen das Gesetz zu verstoßen. Ich will aufzeigen, dass es immer eine scheiß Idee ist, einem Kind eine ganze Packung Manner-Schnitten in die Hand zu drücken, damit es ruhig ist. Eine ganze Packung, das hat fast fünfhundert Kalorien – wer immer meint, dass das eine gute Idee ist: nein, ist es nicht. Und ich sage das, obwohl ich eine Manner-Aktie halte, also Miteigentümer bin... Wieso muss ich eigentlich Kunst erklären?!?!

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